Artikel: Niederländischer Pestizid-Ratgeber: nützlich, aber mit Vorbehalten

Niederländischer Pestizid-Ratgeber: nützlich, aber mit Vorbehalten
Der Pestizid-Ratgeber von Pesticide Action Network Netherlands (PAN-NL) wurde als praktischer Leitfaden für Verbraucher entwickelt, die Obst und Gemüse mit möglichst wenigen Pestizidrückständen kaufen möchten.[1] Die Liste basiert auf etwa 3.000 repräsentativen Stichproben der niederländischen Lebensmittel- und Warenaufsichtsbehörde (NVWA) und zeigt für jedes Produkt die durchschnittliche Anzahl gefundener Pestizidrückstände. Dadurch ist der Ratgeber leicht verständlich: Man muss kein Toxikologe sein, um zu erkennen, dass ein Produkt mit mehr Rückständen weniger „sauber“ ist als eines mit wenigen Rückständen. Diese Einfachheit ist zugleich der Grund, warum die Ergebnisse mit Vorsicht interpretiert werden sollten.
PAN-NL nutzt den Ratgeber, um Verbrauchern bei bewussten Entscheidungen zu helfen, insbesondere für Kinder und Schwangere, für die besondere Vorsicht empfohlen wird. Die Grundidee ist einfach: Man soll nicht weniger Obst und Gemüse essen, sondern häufiger Varianten mit einer geringeren Pestizidbelastung wählen. Dahinter steht das Vorsorgeprinzip: Je weniger Pestizide, desto besser für Gesundheit und Umwelt. Der Ratgeber soll daher nicht vom Verzehr von Obst und Gemüse abhalten, sondern die Diskussion über Qualität und Risiken etwas konkreter machen.
Warum PAN-NL vor Pestiziden warnt
Pestizide sind Stoffe, die dazu bestimmt sind, Unkraut, Insekten, Pilze oder Nematoden zu bekämpfen. Diese Stoffe betreffen jedoch nicht nur die Zielorganismen, sondern auch die Biodiversität, die Wasserqualität und die menschliche Gesundheit. Besonders besorgniserregend sind PFAS-Pestizide, hormonstörende Pestizide, CMR-Stoffe (karzinogen, mutagen, reproduktionstoxisch) sowie genotoxische Pestizide. Auf Obst und Gemüse werden regelmäßig mehrere Rückstände gleichzeitig gefunden, während die kombinierten Auswirkungen solcher Mischungen noch unzureichend erforscht sind.
Diese Warnung ist insbesondere deshalb relevant, weil die bestehenden Zulassungs- und Regulierungssysteme nach Ansicht von PAN-NL nicht alle Risiken abdecken. Behörden arbeiten mit Grenzwerten (ADI, MRL, ARfD), die jedoch auf einzelnen Stoffen basieren und wenig über Rückstandsgemische aussagen. Für besonders empfindliche Gruppen geht PAN-NL noch weiter: Für Babys und Kleinkinder gelten bei Babynahrung deutlich strengere europäische Grenzwerte als jene Rückstandswerte, die häufig in gewöhnlichem Obst und Gemüse gefunden werden. „Innerhalb des Grenzwerts“ bedeutet daher nicht automatisch „ohne Anlass zur Sorge“.
Bewertung von Obst und Gemüse
Die Stärke des Ratgebers liegt darin, Unterschiede zwischen Produkten auf Basis derselben Messmethode sichtbar zu machen. Das erleichtert Kaufentscheidungen im Supermarkt, insbesondere wenn man regelmäßig dieselben Produkte kauft und eine einfache Vergleichsgrundlage sucht. Produkte mit vielen Rückständen weisen häufig auch andere problematische Merkmale auf, etwa hormonstörende Stoffe oder Stoffe, die möglicherweise krebserregend oder fortpflanzungsschädlich sind. Die Liste dient daher als erstes Signal, nicht als endgültiges Urteil, sondern als praktische Orientierungshilfe.
Am oberen Ende der Risikoliste nennt PAN-NL Trauben als Produkt, auf dem viele verschiedene Pestizide gefunden wurden; laut ihrer Risikoübersicht wurden auf Trauben sogar 57 unterschiedliche Pestizidarten nachgewiesen. Besonders gut schneiden Gemüsearten wie Chicorée, Spargel, Rote Bete und Kürbis ab. Eines von fünf Obst- und Gemüseprodukten enthält Rückstände von PFAS-Pestiziden, und eines von drei Produkten enthält Rückstände von Stoffen, die möglicherweise krebserregend, mutagen oder fortpflanzungsschädlich sind. Hohe (schlechte) Werte wurden bei Zitrusfrüchten, Erdbeeren, Birnen sowie bei Paprika, Spinat und Tomaten festgestellt. Die „saubersten“ und „am wenigsten sauberen“ Produkte können sich je nach Messjahr verändern.
Interpretationsabhängig
PAN-NL weist darauf hin, dass der Pestizid-Ratgeber eine Vereinfachung darstellt. Ein wichtiger Punkt ist, dass weniger gefundene Rückstände nicht automatisch bedeuten, dass auch weniger Pestizide eingesetzt wurden. Manche Mittel werden früh im Anbau verwendet, bauen sich schnell ab oder befinden sich auf Teilen der Pflanze, die nicht verzehrt werden. Zudem untersucht die NVWA zwar Hunderte, aber nicht alle Pestizide. Dadurch kann die Realität in beide Richtungen von den Messungen abweichen: Ein Produkt kann sauberer erscheinen, als es tatsächlich ist, oder stärker belastet sein, als die Messung vermuten lässt.
Auch die Stichprobendichte stellt eine Einschränkung dar. Laut FAQ testet die NVWA etwa 2.000 bis 3.000 Produkte pro Jahr, während jährlich Hunderte Millionen Produkte gehandelt werden. Der konkrete Apfel, die Birne oder die Mandarine, die man kauft, wurde mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht individuell getestet.
Ein ernsteres Problem ist die fehlende Berücksichtigung toxikologischer Daten in der Rangliste: Die Anzahl problematischer Stoffe sagt zunächst nichts über problematische Konzentrationen aus. Auch der Grad, in dem Pestizide durch die Schale dringen, variiert und wird in den Ergebnissen nicht berücksichtigt. Darüber hinaus weist PAN-NL darauf hin, dass durch Schälen zwischen 50% und 95% der Nachernte-Pestizide entfernt werden können, es sei denn, sie gelangen über die Hände wieder auf die ungeschälte Frucht. Dies ist insbesondere bei problematischen Zitrusfrüchten von Bedeutung.
Die Quintessenz
Wie sollte dieser Ratgeber also genutzt werden? Vor allem bei routinemäßigen Kaufentscheidungen. Wer häufig dieselben Obstsorten kauft, die eigenen Favoriten oder die der Familie, kann bei vergleichbarem Budget die Variante mit durchschnittlich weniger Rückständen wählen. Waschen und Schälen können hilfreich sein, haben jedoch keinen Einfluss auf Stoffe, die bereits in das Produkt eingedrungen sind. Außerdem gehen beim Schälen auch Nährstoffe verloren.
Die Kernbotschaft ist daher zweigeteilt. Der Pestizid-Ratgeber macht verborgene Belastungen sichtbar und bietet Verbrauchern ein einfaches Denkwerkzeug und eine Orientierungshilfe. Er ist jedoch kein perfekter Sicherheitsmaßstab: Die Rangliste basiert auf Durchschnittswerten verschiedener Produzenten, auf begrenzten Messungen und auf gesundheitlichen Auswirkungen, über die noch vieles unbekannt ist, wobei tatsächliche Expositionswerte pro Zeiteinheit selbstverständlich ebenfalls nicht unwichtig sind.
Wer die Ergebnisse als Orientierungshilfe und nicht als endgültiges Urteil nutzt, wird den größten Nutzen daraus ziehen. Essen Sie daher weiterhin reichlich Obst und Gemüse, nutzen Sie den Ratgeber jedoch, um innerhalb dieser gesunden Gewohnheit bewusster zu wählen.
[1] https://www.pan-netherlands.org/eetwijzer
