
Probiotika (Kimchi) und Postbiotika vs. Mikroplastik: neue Entwicklungen
Mikro und Nanoplastik befinden sich inzwischen überall: in der Luft, im Wasser, in Lebensmitteln und sogar in unserem Körper. Forschende befürchten, dass die kleinsten Partikel die Darmwand passieren und sich in Organen wie den Nieren und dem Gehirn anreichern können. Dadurch wird die Suche nach Möglichkeiten, diese Partikel wieder aus dem Körper zu entfernen, immer dringlicher.
Eine neue Studie aus Südkorea weist nun auf etwas Bemerkenswertes hin: Ein Bakterium aus Kimchi, dem fermentierten koreanischen Gemüsegericht, scheint Nanoplastik im Darm „festhalten“ und über den Stuhl ausscheiden zu können.[1] Was genau wurde entdeckt, und was könnte das künftig bedeuten?
Was genau zeigte die Studie?
Wissenschaftler des World Institute of Kimchi untersuchten ein Milchsäurebakterium aus Kimchi mit dem Namen Leuconostoc mesenteroides CBA3656. Sie wollten herausfinden, wie gut dieses Bakterium Nanoplastik aus Polystyrol, einem häufig verwendeten Kunststoff, an sich binden kann.
In einer einfachen Laborumgebung konnte das Bakterium etwa 87% der Nanoplastikpartikel binden, ähnlich gut wie ein Vergleichsstamm. Erst in einer nachgebildeten menschlichen Darmumgebung zeigte sich ein deutlicher Unterschied: Während die Bindungsfähigkeit des Vergleichsstamms auf etwa 3% sank, konnte das Kimchi Bakterium weiterhin rund 57% der Nanoplastikpartikel festhalten. Das deutet darauf hin, dass dieses Bakterium auch unter realitätsnäheren Bedingungen im Darm an den Partikeln haften bleibt.
Anschließend wurden Tierversuche durchgeführt. Mäuse, die das Kimchi Bakterium erhielten, schieden über den Stuhl mehr als doppelt so viel Nanoplastik aus wie Mäuse ohne diese Probiotika. Das unterstützt die Vermutung, dass das Bakterium Nanoplastik im Darm bindet und dadurch dabei helfen kann, sie über den Stuhl aus dem Körper auszuscheiden.
Wie würde Kimchi dann in unserem Körper wirken?
Wichtig: Bisher geht es nicht um ein magisches Detox Lebensmittel, sondern um eine mögliche biologische Wechselwirkung im Darm. Die Forscher vermuten vereinfacht gesagt folgenden Ablauf:
- Die Bakterien aus Kimchi könnten sich an Nanoplastikpartikel im Darm anheften
- Dadurch könnte es für die Plastikpartikel schwieriger werden, die Darmwand zu passieren und ins Blut zu gelangen
- Alles, was nicht aufgenommen wird, verlässt den Körper schließlich mit dem Stuhl
Kimchi enthält von Natur aus viele lebende Milchsäurebakterien, solange es nicht erhitzt oder pasteurisiert wurde. Solche fermentierten Lebensmittel werden schon länger mit einer gesunden Darmflora in Verbindung gebracht. Möglicherweise kommt noch ein weiterer Effekt hinzu, nämlich das „Einfangen“ bestimmter Umweltverunreinigungen im Darm.
Die Untersuchung ist jedoch noch in einem frühen Stadium. Bisher wurden die Tests hauptsächlich in Modellen durchgeführt, die den menschlichen Darm nachbilden, sowie an Mäusen und nicht in großen Gruppen von Menschen. Deshalb gibt es bislang keinen Nachweis dafür, dass eine tägliche Portion Kimchi beim Menschen die Menge an Mikro oder Nanoplastik im Körper tatsächlich spürbar senkt.
Postbiotika
Ein weiteres interessantes Puzzlestück stammt aus einer aktuellen Preprint Studie zu sogenannten Postbiotika. Dabei wurde ein hitzeinaktivierter Biofilm von Limosilactobacillus fermentum (Qi601) untersucht, der unter Bedingungen, die den menschlichen Verdauungstrakt nachahmen, Mikro und Nanoplastik binden kann. Im Labor bildete diese nicht lebende Bakterienmasse eine Art „Fangnetz“ um Polystyrol Nanoplastik. Dadurch blieben weniger Partikel an Darmzellen haften und weniger drangen in die Zellen ein. Zusätzlich zeigte ein kleines Kaugummi Experiment, dass sich Qi601 auch im Mund an Mikroplastik binden kann, das beim Kauen aus Kaugummi freigesetzt wird.
Zusammen mit der Kimchi Studie ergibt sich dadurch ein größeres Bild: Sowohl Probiotika (lebende Mikroorganismen) als auch Postbiotika (kontrolliert inaktivierte bakterielle Präparate) könnten in Zukunft dabei helfen, Mikro und Nanoplastik im Verdauungstrakt zu binden. Die Idee ist, dass dadurch weniger Partikel mit der Darmwand in Kontakt kommen und ein Teil davon auf natürlichem Weg mit dem Stuhl ausgeschieden wird. Wichtig ist jedoch, dass sich diese Forschung noch in einem frühen Stadium befindet und bisher vor allem auf Laborversuchen basiert.
Mögliche Anwendungen: von der Beilage bis zum „Mikroplastik Probiotikum“
Die bisherigen Untersuchungen zeigen einige interessante Möglichkeiten für die Zukunft. Forscher und Unternehmen könnten daraus verschiedene Anwendungen entwickeln:
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Gezielte Probiotika Kapseln
Der spezielle Bakterienstamm L. mesenteroides CBA3656 könnte künftig als Probiotika Supplement genutzt werden, um Nanoplastik im Darm zu binden und über die natürliche Ausscheidung aus dem Körper zu entfernen. Bevor das möglich ist, müssten jedoch Dosierung, Sicherheit und Wirksamkeit in Studien am Menschen geprüft werden. -
Spezielle Kimchi Varianten
Hersteller könnten Kimchi entwickeln, das gezielt mehr dieser Bakterien enthält oder deren Wachstum unterstützt. Denkbar wäre zum Beispiel ein mikroplastikfreundliches“ Kimchi mit garantiertem Gehalt an lebenden Kulturen, das gekühlt gelagert und nicht pasteurisiert wird. -
Kombination mit ballaststoffreicher Ernährung
Ballaststoffe helfen dabei, den Darminhalt weiterzutransportieren. Dadurch könnten gebundene Partikel, einschließlich möglicher Nanoplastik, schneller ausgeschieden werden. Eine praktische Idee wäre deshalb, fermentierte Lebensmittel wie Kimchi mit viel Gemüse, Vollkornprodukten und Hülsenfrüchten zu kombinieren. -
Größeres Konzept: „Biosorption“ durch Ernährung
Die Idee dahinter geht über Plastik hinaus. Forscher sprechen von „Biosorption“. Damit ist gemeint, dass lebende oder inaktivierte Mikroorganismen bestimmte Stoffe an ihrer Zelloberfläche festhalten können. Künftig könnte dieses Prinzip vielleicht auch genutzt werden, um andere Umweltverunreinigungen im (menschlichen) Darm zu binden.
Die Betonung liegt bei all diesen Anwendungen auf Ergänzung, nicht auf Ersatz: Weniger Plastik zu verwenden, Umweltverschmutzung zu reduzieren sowie für sauberes Wasser und gute Luftqualität zu sorgen, bleibt deutlich wichtiger, als später zu versuchen, die entstandenen Schäden zu begrenzen.
Schon Lust auf Kimchi?
Was bedeutet das alles konkret für jemanden, der gerade im Supermarkt steht? Hier sind einige vorsichtige und praktische Hinweise:
- Wenn Ihnen Kimchi schmeckt, können Sie es gut in eine abwechslungsreiche, überwiegend pflanzliche Ernährung einbauen. Kimchi enthält Ballaststoffe, Vitamine und lebende Bakterien, die die Darmflora unterstützen können.
- Achten Sie möglichst auf unpasteurisiertes, „rohes“ Kimchi aus der Kühlung, auf dem steht, dass es lebende Kulturen enthält. Genau diese Bakterien wurden in den bisherigen Studien untersucht.
- Erwarten Sie aber noch keine Wunder. Bisher gibt es keine Nachweise beim Menschen, dass Kimchi oder einzelne Probiotika Supplemente Mikroplastik aus dem Körper entfernen. Sehen Sie es eher als einen möglichen zusätzlichen Vorteil im Rahmen eines insgesamt gesunden Lebensstils.
Der größte Nutzen liegt derzeit wahrscheinlich in der Kombination verschiedener Maßnahmen: den Kontakt mit Plastik möglichst reduzieren (zum Beispiel weniger Einwegplastik verwenden, keine Kunststoffbehälter erhitzen und Leitungswasser dort filtern, wo es sinnvoll ist) und gleichzeitig den Darm über die Ernährung unterstützen. Fermentierte Lebensmittel wie Kimchi könnten dabei eine interessante Ergänzung sein.
Quellen
[1] LEE, Jisu, et al. Effiziente Biosorption von Nanoplastik durch lebensmittelstämmige Milchsäurebakterien. Bioresource Technology, 2026, 134234.
[2] BERKES, Eva A., et al. Postbiotische Bindung von Mikro und Nanoplastik: In vitro Schutz des Darmepithels und Machbarkeitsnachweis im menschlichen Mund. bioRxiv, 2026, 2026.05.11.724280.

