Chronische Schmerzen sind eine Hauptursache menschlichen Leidens. Aber was ist eigentlich Schmerz und wie erlebt man ihn? Forscher, Philosophen, Psychologen und Ärzte haben sich im Laufe der Jahrhunderte die Köpfe darüber zerbrochen, ob Schemrz eine Leidenschaft, ein emotionaler Zustand oder eine Krankheit ist? Der Versuch, den Schmerz zu verstehen und eine angemessene Antwort darauf zu finden, ist eine der ältesten Herausforderungen in der Geschichte der Medizin.

Der Schmerzbegriff ist erst seit dem 19. Jahrhundert von religiösen und spirituellen Dingen abgekoppelt. Noch später, um die neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts, wurde der Schmerz als ein tatsächlicher körperlicher Zustand erkannt; ein Schlüsselzeichen für einen ungesunden Zustand, genau wie Blutdruck oder Atemfrequenz. Seitdem wurde Schmerz als häufiges Symptom für verschiedene Krankheiten angesehen, und Ärzte auf der ganzen Welt versuchen ihn durch die Verschreibung von Schmerzmitteln zu lindern.

Seltsamerweise hören wir auf der anderen Seite immer noch von geistiger Gesundheit, psychischen Schmerzen und wie Menschen – denn das ist möglich – an einem „gebrochenem Herzen“ sterben können. Was ist also der Unterschied zwischen physischen und emotionalen Schmerzen? Und sollten wir Schmerz eigentlich doch als Gefühl betrachten? Kurzum: Ein Symptom einer körperlichen Erkrankung oder ein Gefühl?

  • Die alten Griechen hielten Schmerz für eine Leidenschaft - eher für eine Empfindung als für ein Gefühl wie Berührung oder Geruch. Während des dunklen Zeitalters in Europa wurde Schmerz als Strafe für Sünden angesehen, eine spirituelle und emotionale Erfahrung, die durch Gebete und nicht durch Rezepte gelindert wurde.

 

Die meisten Ärzte würden argumentieren, dass Schmerzen eine physische Empfindung ist. Wenn der Körper einen Schmerzreiz empfängt, signalisieren die Schmerzrezeptoren dem Gehirn, die Bedrohung zu bewerten und eine entsprechende Aktion einzuleiten. In dieser Form ist Schmerz nicht mit Gefühlen oder Emotionen verbunden; es ist nur eine körperliche Funktion. Eine rein körperliche Angelegenheit.

Untersuchungen zeigen, dass jeder Mensch aus genetischen und umweltbedingten Gründen Schmerzen unterschiedlich empfindet. Es gibt so etwas wie "Schmerzgene". Dies sind bestimmte Gene, die die Schmerzsensoren beeinflussen und stimulieren und anschließend eine gewisse Schmerzempfindung auslösen. Diese genetischen Faktoren beeinflussen die Wahrnehmung von körperlichem Schmerz und verstärken damit die Vorstellung, dass Schmerz nur eine körperliche Reaktion ist.

Auf der anderen Seite wird der Umgang mit Schmerzen durch die Umgebung beeinflusst. Das bedeutet, dass Kultur, Erfahrungen aus der Vergangenheit und auch Ihr Gemütszustand eine wichtige Rolle bei der Schmerzerfahrung spielen.

Wenn Sie beispielsweise in jungen Jahren Schmerzen ausgesetzt waren, z.B. bei einer kleinen Operation - einer Naht ohne Betäubung -, kann dies die Schmerzempfindlichkeit für den Rest Ihres Lebens beeinflussen, auch wenn Sie schon älter sind. Diese Denkweise legt - anders als die vorherige - nahe, dass Schmerz ein Gefühl ist; ein emotionaler Zustand, der mit Erinnerungen verbunden ist.

Die internationale Gesellschaft zum Studium des Schmerzes lieferte uns 1970 folgende Definition: „Schmerz ist ein unangenehmes Sinnes- und Gefühlserlebnis, das mit einer aktuellen oder potentiellen Gewebsschädigung verbunden ist oder mit Begriffen einer solchen Schädigung beschrieben wird.“

Ein isoliertes Phänomen?

Schmerzen treten normalerweise nicht einfach so auf. Es ist das Ergebnis einer Verletzung oder eines Traumas. Aber: Es kann sich auch um einen gestörten emotionalen oder verwirrten mentalen Zustand handeln. Mehrere Studien legen nahe, dass das menschliche Gehirn emotionalen Schmerz genauso wie körperlichen Schmerz interpretiert. Emotionaler Schmerz und physische Schmerz „wandeln“ auf demselben Nervenweg zu unserem und in unserem Gehirn.

Wenn Sie ein Foto Ihres verlorenen Liebhabers sehen, kann dies genauso Schmerz hervorrufen wie ein gebrochener Arm oder Bein. Stärker noch: Der emotionale Schmerz hält länger an. Mit anderen Worten, jedes Mal, wenn Sie mit einem Reiz Ihres emotionalen Schmerzes in Kontakt kommen, wie z. B. einem Foto, erleben Sie den Schmerz erneut. (Techniken wie EMDR basieren hierauf.)

  • John J Bonica, der als einer der Begründer der modernen Schmerzmedizin gilt, erklärte 1953: In seinen späten Phasen, wenn er [der Schmerz] schwer zu handhaben ist, erfüllt er keinen nützlichen Zweck mehr und wird durch seine geistigen und körperlichen Wirkungen zu einer zerstörerischen Kraft.“

 

  • Juckreiz ist ein gutes Beispiel um den Unterschied zwischen Empfindung und Schmerzwahrnehmung zu zeigen. Juckreiz ist ein unangenehmes Gefühl, das zu einem Kratzdrang führt. Das Gefühl des Juckreizes, das von einigen Hautrezeptoren wahrgenommen wird, die auch für die Schmerzempfindung zuständig sind, mag wie ein rein physisches Phänomen erscheinen. Ist es aber nicht. Denn wenn man sieht, wie sich jemand kratzt, oder auch nur daran denkt, dann beginnt es schon zu jucken und man muss sich auch kratzen.

 

Wie gehen wir mit Schmerzen um?

Schmerzen sollten nicht nur als körperliche Reaktion erkannt werden, sondern auch als ein Gefühl. Darum sollte bei der medizinischen Versorgung nicht nur auf die reine pharmazeutische Versorgung geschaut werden, sondern auch auf die emotionale Unterstützung. Tatsächlich haben Wissenschaftler die Beziehung zwischen einfühlsamen Ärzten und der Qualität ihrer Versorgung untersucht. Die meisten Studien zeigten, dass empathische Ärzte die Wahrnehmung und Intensität der Schmerzen ihrer Patienten verringerten, der allgemeine Gesundheitszustand verbesserte sich und die pathologischen Symptome verringerten sich.

Empathie kann definiert werden als "die Fähigkeit zu verstehen oder zu teilen, was eine andere Person fühlt oder erlebt". Einfühlungsvermögen erhöht unsere Chancen, Mitgefühl zu zeigen und anderen zu helfen. Es ist ein Teil unseres menschlichen Wesens. Darüber hinaus kann Empathie in kognitive Empathie und emotionale Empathie unterteilt werden.

Was die Ärzteschaft betrifft: Ärzte verwenden kognitives Einfühlungsvermögen, um die Gefühle eines Patienten zu identifizieren und zu definieren und sie dann in die Bedürfnisse dieses Patienten zu übersetzen. Darüber hinaus erkennen Ärzte mit emotionalem Einfühlungsvermögen nicht nur die Gefühle anderer, sondern spiegeln diese auch wider, da sie wissen wie es sich anfühlt. Sie fühlen, was ihre Patienten fühlen.

 

Die Diskussion, ob Ärzte vor allem kognitives oder emotionales Einfühlungsvermögen ausüben sollten, ist noch nicht abgeschlossen. Historisch gesehen wird in wissenschaftlichen Artikeln von 1912 bis 1963 behauptet, dass Ärzte nur kognitive Empathie ausüben sollten, was bedeutet, dass Ärzte die Gefühle des Patienten beobachten und verstehen sollten, ohne dass die Ärzte diese Gefühle selbst erfahren. Medizinisches Einfühlungsvermögen muss auf fernes Denken fokussiert sein, was eine gute emotional-medizinische Entscheidung ermöglicht.

Es gibt jedoch zunehmend Anzeichen dafür, dass Empathie nicht differenziert werden sollte, sondern beide Arten von Empathie umfassen sollte. Kognitive Empathie ist wichtig, sorgt allerdings für eine größere Distanz zwischen Ärzten und Patienten, die emotionale Empathie auf der anderen Seite trägt zu einer positiven Patientenerfahrung bei.

Einfühlungsvermögen der Ärzte ist ein wirksames Instrument, um das Vertrauen eines Patienten in den Arzt zu stärken und die Beziehung zwischen Arzt und Patient zu stärken. Empathie kann dem Patienten auch helfen, mit starken Emotionen wie Wut oder Angst umzugehen und den Heilungsprozess zu verbessern. Einfühlungsvermögen kann auch das Vertrauen der Familienmitglieder stärken, was dazu führen kann, dass mehr Patienteninformationen von der Familie eingeholt werden und letztendlich eine vollständigere Patientenakte zur Krankengeschichte erstellt werden kann.

  • Wussten Sie, dass es weltweit rund 20 Menschen gibt, die keine Schmerzen haben, da sie an angeborener Schmerzunempfindlichkeit leiden? Dies kommt durch eine Genmutation (SCN9A-Gen). Menschen mit dieser Krankheit können den Unterschied zwischen scharf, heiß und kalt spüren, aber nicht spüren, dass die Hand auf der heißen Herdplatte liegt!

 

Aktuelle Studien zeigen, dass Patienten mit einfühlsamen Ärzten ihre Behandlung mit größerer Wahrscheinlichkeit streng befolgen, weniger Symptome aufweisen, sich schneller von ihrem Zustand erholen und sich einer besseren Gesundheit erfreuen. Ärzte, die Empathie üben, erleben auch weniger Stress, Zynismus und Burnout als ihre Kollegen.

Ärzte müssen trainieren, Empathie für ihre Patienten zu entwickeln. Letztendlich sehnen sich Patienten nicht nur nach einer medizinischen Lösung, sondern auch nach einer Person, die mit dem sympathisiert, was sie durchmachen, ihren emotionalen und körperlichen Schmerzen.

Fazit:

Die Besonderheit des Schmerzes zeigt sich in seiner Komplexität, insbesondere aufgrund des doppelten Phänomens, das will sagen: Schmerz ist biologisch ein Schutzinstrument, kann jedoch auch seine Anpassungsfunktion verlieren und wird dann zu einem pathologischen Zustand, der die Lebensqualität erheblich beeinträchtigt.

Heute wird anerkannt, dass es einen wesentlichen Unterschied zwischen Schmerz als Symptom und chronischem Schmerz gibt. Im Jahr 2019 hat die Weltgesundheitsorganisation erstmals einen spezifischen Diagnosecode für chronische Schmerzen verabschiedet, einschließlich Sub-Codes für verschiedene allgemeine chronische Schmerzzustände. Dieser wichtige Schritt bestätigt, dass auf der ganzen Welt Schmerzen als Krankheit anerkannt werden.

Das konventionelle Denken, dass Schmerz nur ein physischer Reiz ist, ist eindeutig überholt. Vielleicht wussten die alten Griechen damals schon etwas, was wir nicht wussten. Wenn chronischer Schmerz sowohl ein Gefühl als auch eine Empfindung ist, ist es unwahrscheinlich, dass er ohne Mitgefühl erfolgreich behandelt werden kann. Ärzte, die als einfühlsam eingestuft werden, lindern die Schmerzen ihrer Patienten wirksamer.

Schmerz Fakten:

  • Akuter Schmerz
  • Ein akuter Schmerz ist ein Schmerz, der einige Tage oder Wochen dauert, jedoch maximal drei Monate. Während dieser Zeit kann der Körper die meisten Gewebeschäden reparieren, zum Beispiel einen Bandriss oder einen Knochenbruch. Akute Schmerzen treten immer dann auf, wenn äußeres oder inneres Gewebe geschädigt ist.

 

  • Chronischer Schmerz
  • Chronische Schmerzen sind Schmerzen, die länger als drei Monate andauern oder über Monate und Jahre zurückkehren, oder Schmerzen, die länger als einen Monat nach einer geheilten Verletzung oder Krankheit andauern, die die Schmerzen verursacht hat. Chronische Schmerzen haben in der Regel ihre Warnfunktion verloren.

 

  • Gehirn und Schmerz
  • In unserem Gehirn gibt es verschiedene Bereiche, in denen Schmerzen unterschiedlich wahrgenommen werden. Ein Bereich ist für die Schmerzintensität und das Schmerzgefühl verantwortlich und ein anderer für die Schmerzlokalisierung und das Schmerzbewusstsein.