Im Vergleich zu seinen biologischen Verwandten hat der Mensch engagierte und einfühlsame Väter. Wie ist das evolutionär zu erklären? Wie kommt es, dass wir von allen Menschenaffen die einzigen sind, bei denen sich die Männer zu hingebungsvollen Vätern entwickelt haben? Wer ist eigentlich der menschliche Vater und was ist seine Rolle in der Familie und in unserer Gesellschaft?

Der Unterschied zwischen uns und anderen Menschenaffen (ja, Menschen gelten auch als Teil der Familie der Hominoidea oder "menschartigen") ist ein beliebtes Forschungsgebiet der Anthropologen. Bisher haben Wissenschaftler jedoch oft ein einzigartiges, menschliches Merkmal ignoriert, das so wichtig ist, dass es für unser Überleben als Spezies notwendig ist: die menschliche Vaterschaft.

Die Rolle des Vaters

Am Ende des letzten Jahrhunderts dachte man noch immer, dass Väter wenig zum Leben ihrer Kinder beitrugen, dass Vaterschaft für unsere Gesellschaft überhaupt keinen besonderen Wert hatte und dass, wenn ein Mann an der Erziehung beteiligt war, dies ein erlerntes Verhalten war. Man ging sogar davon aus, dass Väter keine so starke Bindung zu ihren Kindern entwickelten wie Mütter; nicht nur, weil Männer keine Kinder gebären können, sondern auch, weil sie, oft aufgrund ihrer Arbeit, weniger Zeit mit ihren Kindern verbringen.

Männer mit Morgenübelkeit

Schon mal vom Couvade-Syndrom gehört? Es bezieht sich auf das Phänomen, dass Männer schwere physische oder psychische Reaktionen erleben, wenn ihre Partnerin schwanger ist, auch als "unfreiwillige Manifestation der Schwangerschaft bei Männern" bezeichnet.

Es ist eigentlich ziemlich merkwürdig, dass uns lange Zeit nicht bewusst war, wie besonders die menschliche Vaterfigur ist. Bei den meisten Primatenarten bleiben die Affenmännchen nicht einmal bei ihrer Familie; stattdessen folgen sie dem ersten Weibchen, dem sie nach "der Tat" begegnen. Der Mensch gehört zu den fünf Prozent aller Säugetiere, die hingebungsvolle, engagierte Väter haben. Die menschliche Vaterrolle ist auf anatomischer, physiologischer und zerebraler Ebene komplex und wäre darum niemals zustande gekommen, wenn die Investitionen, die Väter in ihre Kinder tätigen, nicht für das Überleben unserer Spezies unerlässlich wären. So funktioniert Evolution schließlich.

Mensch vs Affen

Wie ist es möglich, dass diese Vaterrolle beim Menschen entstanden ist, aber nicht bei anderen Affenarten? Die Ursache liegt in unserer Anatomie. Weil wir anfingen, auf zwei Beinen zu gehen, wurde der Geburtskanal der Frau enger, obwohl unser Gehirn gleichzeitig durch eine zufällige genetische Veränderung ungewöhnlich groß wurde. Um das Überleben von Mutter und Kind zu sichern, hat die Evolution dafür gesorgt, dass die Tragezeit unserer Babys kürzer wurde, so dass der Kopf eines Babys bei der Geburt noch sicher durch den Geburtskanal gelangen konnte. Infolgedessen wurden menschliche Babys allerdings  lange vor der abgeschlossenen Entwicklung ihrer Gehirne geboren. Das wiederum durfte keine längere Stillzeit nach der Geburt bedeuten, weil Mütter dann für erneute Fortpflanzung zu lange aus dem Rennen wären. Nach der Säugezeit sind Säuglinge immer noch extrem abhängig und brauchen lange Zeit einen Erwachsenen, der sie ernährt. Da Mütter oft schnell wieder schwanger wurden und ihre Aufmerksamkeit vom Neugeborenen gefesselt war, suchten sie Hilfe.

Als diese Situationen zum ersten Mal auftraten, vor etwa 800.000 Jahren, wandten sich die Mütter zunächst an ihre weiblichen Bekannten: Großmütter, Tanten, Schwestern oder ältere Töchter. In der Regel klopfen Tiere zuerst bei Artgenossen gleichen Geschlechts an und bitten um Hilfe, weil die Gegenseitigkeit der Hilfe dann leichter zu überblicken ist. Darüber hinaus muss es sicherlich auch für die Männchen genügend Gründe geben, sich nicht mit mehreren Weibchen fortzupflanzen, sondern sich ausschließlich auf die Nachkommenschaft eines Weibchens zu konzentrieren.

Väter: mehr als nur Samenspender

Vor etwa 500.000 Jahren wurde ein Wendepunkt erreicht. Das menschliche Gehirn machte damals einen enormen Entwicklungssprung und wurde noch größer, so dass menschliche Kinder nach der Geburt noch länger von der Sorge Erwachsener abhängig waren. Aus diesem Grund reichte die Hilfe anderer Frauen nicht mehr aus, und die Mütter suchten ihr Heil bei den Vätern ihrer Kinder. Ohne die Hilfe des Vaters war das Überleben eines Kindes und damit dessen genetisches Materials in Gefahr: Ausreichende Motivation für Väter, zur Aufzucht ihrer Nachkommen beizutragen und so ihre "genetische Investition" zu sichern.

Wir haben mehr von unseren Vätern, als man denkt

Obwohl einige von uns wahrscheinlich mehr wie ihre Mütter sein werden, zeigen jüngste Forschungen, dass Säugetiere genetisch ihren Vätern mehr ähneln. Forschung zeigt, dass wir trotz der Tatsache, dass wir genauso viel genetisches Material von beiden Elternteilen erben, mehr DNA von unserem Vater "verwenden".

Besonders in der Jugend, der Phase nach dem Säuglingsalter und bevor ein Kind mit geschlechtsreifen Erwachsenen konkurrieren konnte, spielten die Väter eine wichtige Rolle. Es ist die Phase, in der Kinder die entscheidenden Fähigkeiten zum Überleben erlernen und in der sie die Welt um sich herum entdecken. Unsere Vorfahren zeigten ihren Kindern die Landschaft und brachten ihnen Techniken der Jagd, Kooperation, Verhandlung und Handwerkszeugsgebrauchs bei. Im Laufe der Geschichte haben in vielen Kulturen Väter in dieser Lebensphase des Kindes die Rolle des Lehrers übernommen, während die Mütter sich mehr darauf konzentrierten, das nächste Kind zur Welt zu bringen und zu versorgen. Sogar in unserer modernen westlichen Gesellschaft erfüllen Väter noch oft die Funktion des Lehrers, wenn auch auf tausend verschiedene Arten, je nach der Gesellschaft und dem Umfeld, in dem man lebt.

Wie die Mütter werden auch die Väter durch die Entwicklung biologischer, psychologischer und verhaltensbezogener Aspekte auf die Elternschaft vorbereitet. Wie Mütter handeln sie instinktiv statt aus erlerntem Verhalten. Bei Männern, die Väter werden, sind sogar hormonelle Veränderungen beobachtet worden. Abnehmende Testosteronspiegel und Veränderungen des Oxytocin-Spiegels machen einen Mann empfindlicher, er kann sich an die Bedürfnisse seines Kindes anpassen und fühlt sich weniger zu anderen Frauen hingezogen. Außerdem verändern sich bei Vätern bestimmte Hirnareale, die für Empathie, Planung und Problemlösung verantwortlich sind.

Trotz allem sind Männer im Laufe der Evolution nicht zu Ebenbildern der Mutter geworden: Väter und Mütter ergänzen sich gegenseitig. In Forschungen über die Hirnaktivität von Müttern wurde deutliche Spitzenaktivität in den Bereichen Zuneigung und Risikoerkennung gemessen, während bei Vätern vor allem in den Bereichen Planung, soziale Kognition und Problemlösung Spitzen beobachtet wurden; auch, wenn die Gehirne beider Elternteile in all diesen Bereichen erhöhte Aktivität zeigten. Selbst bei zwei Elternteilen gleichen Geschlechts wurden diese Unterschiede beobachtet, was darauf hinweist, dass unser Gehirn die Plastizität besitzt, sich bei Bedarf anzupassen. Auf diese Weise hat die Evolution sichergestellt, dass beide Rollen von jeder Art von Eltern vertreten werden können.

Unterschied zwischen Mutter- und Vaterrolle

Diese evolutionären Entwicklungen haben dazu geführt, dass die Bindung zwischen Vätern und Kindern eine andere ist als die zwischen Müttern und ihren Nachkommen. Sowohl Mütter als auch Väter können eine starke, liebevolle Bindung zu ihrem Kind entwickeln, die die notwendige, sichere Grundlage bildet, von der aus ein Kind die Welt entdeckt. Die Bindung zur Mutter kann jedoch oft als geschlossen, nach innen gerichtet und auf Zuneigung und Fürsorge gegründet beschrieben werden, während die Bindung zum Vater neben der Grundlage von Zuneigung und Fürsorge vor allem auf Herausforderung beruht. In der Regel sind es Väter, die ihr Kind ermutigen, sich der Außenwelt zu öffnen, andere Menschen zu treffen, Beziehungen zu anderen aufzubauen, zu studieren, erfolgreich zu sein und Selbstvertrauen zu gewinnen.

Aufgrund dieser Einsichten über die Rolle des Vaters haben wir allmählich angefangen, unsere Väter anders zu betrachten und anders über sie zu sprechen. Dadurch bekommen Väter heute mehr Anerkennung für das, was sie tun, auch wenn diese Ideen leider immer noch nicht weit verbreitet sind. Natürlich gibt es Väter - wie auch Mütter -, die bei der Erziehung ihres Kindes abwesend sind, aber die überwiegende Mehrheit der Väter ist engagiert und an der Erziehung beteiligt. Lassen Sie uns also ein wenig mehr über die Väter sprechen, die mit ihren Kindern Sport treiben, Gutenachtgeschichten lesen, fehlende Socken finden und Nachtmonster verjagen. Die Väter, die ihren Kindern Selbstvertrauen geben und ihnen helfen, sich zu widerstandsfähigen Individuen zu entwickeln, die wissen, wie sie sich in unserer Gesellschaft zurechtfinden können. Auf diese Weise geben wir auch Vätern die Kraft, diese Rolle mit Vertrauen und Stolz zu erfüllen und ihren Söhnen, die natürlich die Väter der Zukunft sind, mit gutem Beispiel voranzugehen.

Obwohl Vater- und Mutterrolle ebenbürtig sind, unterscheiden sie sich inhaltlich, und es ist entscheidend, dass wir diese Unterschiede nicht nur erkennen, sondern auch lernen, sie zu verstehen und zu schätzen. Etwa 80% aller jungen Männer haben den Wunsch, später Vater zu werden. Lassen Sie uns mehr Zeit und Aufmerksamkeit darauf verwenden, unsere Väter kennenzulernen. Sie haben es verdient!

Quelle: The marvel of the human dad, January 2019 aeon.co