Zusammenfassung:

Wer sich gerne mit Ernährung, Gesundheit und Nachhaltigkeit beschäftigt, wird früher oder später unwiderruflich mit anderen Wahrheiten konfrontiert. Ist es gesund, Fleisch zu essen oder nicht? Und welche Ernährung ist die umweltfreundlichste? Je mehr wir uns damit befassen,  desto mehr kommen wir in die Zwickmühle und desto weniger eindeutig wird die Lösung. Dieser Blog behandelt eine Reihe bekannter, aber noch immer aktueller Ernährungsfragen und versucht zu zeigen, wie sie sich gegenseitig beeinflussen und warum es so schwierig ist, in Ernährungsfragen die „richtigen“ Entscheidungen zu treffen. Es wird sicherlich Fragen geben, die nicht behandelt werden, obwohl wir natürlich versucht haben, so viele Facetten wie möglich hervorzuheben.

Alle Dilemmata haben gemeinsam, dass sie etwas Paradoxes an sich haben; die Wahl, die zunächst intuitiv die richtige zu sein schien, scheint bei genauerem Hinsehen gar nicht so gut oder offensichtlich zu sein. So wurde Fleisch lange Zeit fälschlicherweise als ein Feindbild dargestellt, und Pflanzen sind vielleicht nicht so perfekt, wie wir lange dachten. Darüber hinaus erweist es sich als schwierig, sich sowohl umwelt- als auch tierfreundlich zu ernähren, denn biologisch gezüchtete Tiere benötigen mehr Platz und lassen daher weniger Platz für Natur und Wildtiere. Umgekehrt gilt dasselbe:  Das Masthähnchen ist nicht tierfreundlich und wahrscheinlich auch weniger gesund als das Bio-Huhn, aber für die Umwelt scheint es immer noch die bessere Wahl zu sein. Neben der Wissenschaft ist auch die Spiritualität eine Quelle für die Suche nach Antworten. An welche Speisevorschriften halten sich Religionen und spirituelle Strömungen und warum? Aber auch hier finden wir keine eindeutige Antwort. Während für die eine Strömung Reinkarnation ein Grund ist, kein Fleisch zu essen, ist Reinkarnation für eine andere Strömung eine Motivation, den Verzehr von Fleisch als heilig zu betrachten.

Kurz gesagt, wir stehen vor einer unmöglichen Wahl: Fleisch meiden, oder doch Pflanzen meiden? Masthähnchen essen und die Umwelt retten, oder Bio-Hähnchen essen und dem Huhn helfen? Was ist die heilige oder spirituelle Ernährung: Tiere verspeisen oder nicht? Und sind Mikroorganismen eigentlich auch Tiere? Es scheint, dass wir mit vielen dieser Dilemmata leben müssen. Aber die Tatsache, dass es keine Antworten gibt, bedeutet nicht, dass wir die Fragen lieber gar nicht stellen sollten. Auch wenn die widersprüchlichen Informationen es uns nicht leicht machen, ein Ernährungsmuster zu wählen, ist eine bewusste und nuancierte Wahl letztlich besser als eine unbewusste. Und denken Sie auch daran, dass Ihre Wahl nicht statisch ist: Sie können zum Beispiel verschiedene Dinge ausprobieren oder abwechseln und pro Saison eine andere Strategie verfolgen.

So oder so, Sie haben die Wahl.

Vollständiger Artikel:

Unsere moderne, westliche Welt erlaubt es uns, sehr bewusste Entscheidungen zu treffen, wenn es um unsere Ernährung geht. Immer mehr Menschen entscheiden sich aus einer Vielzahl von Gründen für eine alternative Ernährung. Zum Beispiel essen Menschen bewusst Lebensmittel, die so weit wie möglich mit unserer Lebensumgebung harmonieren, Lebensmittel, die unserem Körper gut tun oder Lebensmittel, die unseren spirituellen Überzeugungen entsprechen. Am liebsten wählen wir Lebensmittel, die sogar all diese Kriterien erfüllen. Je mehr wir uns jedoch in unsere Nahrung vertiefen, desto weniger Konsens scheint es in diesem Bereich zu geben. Lassen Sie uns zudem nicht die sozialen Auswirkungen unseres massiven Nahrungsfetischs vergessen. Aktuell können wir kaum noch mit einer Gruppe von Menschen aus derselben Pfanne essen, weil jeder Beteiligte auf eine andere Ernährung schwört. Das ist nicht überraschend: Neben vielen widersprüchlichen Informationen, gibt es nur wenige solide Standards. Das sorgt dafür, dass selbst die gleiche Motivation bei zwei Personen oder Gruppen zu völlig unterschiedlichen Ernährungsmustern führen kann. Der heilige Gral gesunder, nachhaltiger und bewusstseinserweiternder Ernährung scheint noch immer nicht gefunden zu sein. Welchen Weg wir ernährungstechnisch auch einschlagen, wir werden schon bald mit Dilemmata konfrontiert.

"Der heilige Gral gesunder, nachhaltiger und bewusstseinserweiternder Ernährung scheint noch immer nicht gefunden worden zu sein".

In dubio

Die Wahl eines Ernährungsmusters erscheint auf den ersten Blick eine Frage von Faktenkenntnis und dem Treffen einer Entscheidung zu sein. In der Praxis führt diese scheinbar klare Aufgabe jedoch oft zu einem unlösbaren Gewirr von Ideen, Fakten, Forschungen und Überzeugungen, in dem man sich endlos im Kreis dreht und den Ausweg nicht findet. Früher oder später stoßen wir immer wieder auf ein Ernährungsparadoxon, das eine Umkehrung unserer Werte bewirkt: Was zunächst gut schien, wird plötzlich böse und das Böse rückt in ein gutes Licht. Paradoxien können Konflikte aufdecken und ein kritisches Licht auf die aktuelle Lage werfen, aber gleichzeitig schaffen sie auch Chaos und verwirren uns. Auch wenn sie dann keinen Frieden oder Klarheit in ein Thema bringen, ist ihre Bedeutung positiv: Paradoxie entstehen überall dort, wo wirklich gelebt und nachgedacht wird.

Um Verwirrung zu vermeiden, können wir versuchen nicht über unser Essen nachzudenken, aber in Wirklichkeit stecken wir dann natürlich den Kopf in den Sand. Die Entscheidung für eine Diät wird durch all die Vor- und Nachteile vielleicht nicht einfacher, aber die Wahl ist durchdachter und nuancierter, wenn man so weit wie möglich über die Ernährungsdilemmata nachdenkt, denen man begegnet. Auch hier haben Sie die Wahl: Bleiben Sie Ihrer derzeitigen Sichtweise auf Ernährung treu und wollen Sie nicht weiter darüber diskutieren, oder sind sie bereit Ihre Ernährung in Frage zu stellen, und über alle damit verbundenen Paradoxe nachzudenken, die sich in unseren Vorstellungen über Lebensmittel verbergen… auch, wenn Sie hierbei das Risiko gehen, Ihre derzeitige Perspektive radikal verändern zu müssen?

“Früher oder später stoßen wir immer wieder auf ein Ernährungsparadox, das eine Umkehrung unserer Werte bewirkt”

Das Gesundheitsdilemma

Natürlich finden die meisten Menschen es wichtig, so gesund wie möglich zu sein, und sie tun alles daran gesund zu bleiben. Neben Faktoren wie Bewegung, Lebensumfeld, Stress und erblicher Veranlagung wird unsere Gesundheit weitgehend davon bestimmt, was wir essen. Es ist daher nicht überraschend, dass die meisten Diäten und Ernährungsmuster darauf abzielen, unsere Gesundheit so weit wie möglich zu unterstützen. Die Frage ist jedoch: Welche Nährstoffe brauchen wir in welcher Form und Menge, um gesund zu bleiben und so optimal wie möglich zu funktionieren? Leider gibt es auf diese Frage keine eindeutige Antwort. Erstens ist sie sehr persönlich und hängt zum Beispiel von Ihrem Alter, Ihrem Beruf, Ihrem Lebensumfeld, Ihrem Zustand und Ihrer Anfälligkeit für Krankheiten ab. Zweitens sind sich viele Fachleute, Ärzte und Wissenschaftler überhaupt nicht einig darüber, welche Nahrung unser Körper braucht.

Weder Fleisch noch Vegan

Der wahrscheinlich aktuell größte Widerspruch ist die Debatte zwischen Anhängern des Veganismus und Anhängern des Karnivorismus. Es gibt zum Beispiel wissenschaftliche Studien, die zeigen, dass eine Ernährung nach pflanzlicher Kost gesund ist, weil sie unter anderem den Blutdruck senkt und das Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen verringert. Es gibt auch Studien, die zeigen, dass der Verzehr von rotem Fleisch das Risiko eines Schlaganfalls erhöht. In den letzten Jahren wurde der Karnivorismus jedoch immer populärer, da immer mehr Studien das Gegenteil belegen. In einem früheren Blog über die karnivore Ernährung werden Studien erwähnt, die zeigen, dass der Verzehr tierischer Produkte viele gesundheitliche Vorteile hat, und dass Pflanzen schwer verdauliche und sogar toxische Substanzen für unseren Körper enthalten. In „The Carnivore Code“ untermauert Dr. Paul Saladino die karnivore Diät mit so vielen Argumenten und Untersuchungen, dass selbst der überzeugteste Veganer wahrscheinlich anfängt, an seinen Überzeugungen zu zweifeln.

"Der Karnivorismus ist auf dem Vormarsch, immer mehr Forschungen zeigen, dass Pflanzen nicht seligmachend sind.”

Da die Wissenschaft sich nicht einig ist, stehen wir vor einem unlösbaren Dilemma: Müssen wir tierische Produkte oder pflanzliche Lebensmittel meiden, um gesund zu bleiben? Vielleicht ist ein Kompromiss hier die goldene Mitte. Wie auch immer wir uns entscheiden, über eines sind wir uns glücklicherweise einig: Unsere Lebensqualität ist wichtig. Können wir dann zumindest mit Sicherheit sagen, dass biologisch oder biodynamisch erzeugte Lebensmittel in allen Fällen vorzuziehen sind?

Das Paradox des Weltverbesserers

Nun, nicht ganz. Nun, wenn man Gesundheit als Maßstab nimmt, scheint die Antwort ja zu sein. Schließlich erscheint es logisch, dass "Mastgemüse" - Gemüse, das gezüchtet und gespritzt wurde und in Kühlhäusern reift - mehr Pestizide, mehr Wasser und weniger Nährstoffe enthält. Viele Studien haben dies auch nachgewiesen, andere Studien jedoch finden keinen Beweis dafür, dass Bio-Gemüse mehr Nährstoffe enthält oder generell gesünder ist. Bei diesen Studien ist es allerdings wichtig sich immer zu fragen, in welchem Maßstab diese Art von Studien ihre Messungen vornehmen.

Wir stoßen also wieder einmal auf einen Diskussionspunkt. Aber lassen Sie uns von der intuitiv logischen und weitesten verbreiteten Annahme ausgehen, dass die Entscheidung für Bio-Lebensmittel im Allgemeinen eine Entscheidung für gesündere Produkte ist. Und selbst wenn Sie Ihre Wahl nicht so sehr auf Ihre Gesundheit, sondern auf das, was gut für Mensch, Tier und Umwelt ist, gründen wollen, scheinen biologisch oder biodynamisch erzeugte Lebensmittel auf den ersten Blick die richtige Wahl zu sein. Wissenschaftliche Studien zeigen jedoch zunehmend, dass auch diese natürlichen Produktionsformen nicht unbedingt besser für die Welt sind. Die Wahl ist also nicht so einfach, wie es zunächst schien. Bezeichnenderweise scheinen "Masthühner", obwohl sie nicht tierfreundlicher sind, trotzdem besser für die Umwelt zu sein als Bio-Hühner, weil sie weniger Platz und Futter brauchen. So entsteht ein absurdes neues Paradox, denn Sie müssen sich entscheiden: Was schätzen Sie mehr, den Tierschutz oder die Umwelt und Natur.

"Tierschutz oder Raum für die Natur, was schätzen Sie mehr?

Teilen oder schonen

Tatsächlich geht es bei diesem Dilemma darum, die Natur zu teilen oder zu schonen, wie der Wissenschaftsjournalist Hidde Boersma in einer Reihe von Artikeln für die Zeitschrift De Correspondent erklärt. Er argumentiert, dass lokale und natürliche Lebensmittel im kleinen Maßstab nicht immer besser für die Natur seien und dass intensive Landwirtschaft im Gegenteil die Natur retten könne. Seiner Meinung nach befürworte ein großer Teil der grünen Bewegung die gemeinsame Nutzung von Land oder eine wildtierfreundliche Landwirtschaft, wie z.B. ökologische Landwirtschaft, Agrarökologie und Formen der Permakultur. Obwohl die in diesen Formen angewandten Methoden naturfreundlich sind, ist der quantitative Ertrag pro Hektar geringer. ‘ Ökomoderne’, zu denen Boersma sich auch selbst zählt, erstreben jedoch einen möglichst hohen Ertrag pro Hektar, damit das Land, das nicht für die Landwirtschaft benötigt wird, echte Natur bleiben kann.

Und er hat gute Argumente für seine Sichtweise, wie etwa die Tatsache, dass eine wildtierfreundliche Landwirtschaft die biologische Vielfalt überhaupt nicht unbedingt fördert, sondern nur opportunistische Tier- und Pflanzenarten dort gedeihen können, während seltene Arten nach wie vor noch nicht Fuß fassen oder Wurzeln schlagen können. Seiner Meinung nach entsteht durch Begriff "intensive Landwirtschaft" auch ein falsches Bild davon, was diese Form der Landwirtschaft eigentlich beinhaltet. Diese Form der Landwirtschaft sei nämlich viel nachhaltiger und effizienter, als die meisten Menschen dächten. So würden die Pflanzen immer häufiger rotiert, und sorge Präzisionslandwirtschaft für eine effiziente Nutzung von Wasser und Pestiziden.

Paradoxerweise scheint die Entscheidung für den Tierschutz nicht unbedingt eine Entscheidung für eine bessere Umwelt zu sein, auch wenn Umweltschutz und Tierschutz für viele Menschen intuitiv verbunden sind. Es klingt verrückt: Rette die Umwelt retten, iss ein Masthähnchen! Letztendlich hängt die Wahl davon ab, was Sie als problematisch empfinden: Wenn Sie ein Masthähnchen essen, gefährden Sie Ihre Gesundheit und das Leben des Huhnes war wahrscheinlich auch kein Spaß, aber Sie haben quasi ein Opfer für die wilde Tierwelt und die Natur erbracht.

"Die Entscheidung für den Tierschutz ist nicht unbedingt eine Entscheidung für eine bessere Umwelt, auch wenn Umweltschutz und Tierschutz für viele Menschen intuitiv verbunden sind"

Die Suche nach einem vergleichbaren Maßstab

Das Schwierige an dieser Diskussion ist, dass es immer noch keinen klaren Maßstab dafür gibt, welche der beiden Arten von Landwirtschaft für die Welt am besten geeignet ist. Das kommt unter anderem dadurch, dass beide Formen unterschiedliche Vorstellungen davon haben, was "gut" ist. Zum Beispiel konzentrieren sich Ökomodernisten hauptsächlich auf den quantitativen Nahrungsmittelertrag pro Hektar, während die wildtierfreundliche Landwirtschaft mehr Wert auf den Nährwert der produzierten Nahrungsmittel legt und die Umwelt schont. Der Ertrag mag zwar geringer sein, aber auf der anderen Seite werden weniger Abfall und Schadstoffe produziert, weil weniger oder keine Pestizide benötigt werden und mehr Produktionszyklen geschlossen werden, was wiederum für die Nahrungsmittelproduktion in der Zukunft wichtig ist. Das Paradox ist deutlich, aber das macht es nicht weniger schwierig eine Entscheidung zu treffen: Wer sich für eine intensive Landwirtschaft entscheidet, entscheidet sich für weniger Flächenverbrauch, mehr Natur und mehr Ertrag pro Quadratmeter, vernachlässigt aber Tierschutz, Nährwerte und Abfallproduktion.

Wie viel Nahrung brauchen wir?

Vielleicht gibt es eine Lösung für diese Lücke. Schließlich mag der Nahrungsertrag der intensiven Landwirtschaft höher sein, aber wie viel Ertrag brauchen wir eigentlich? Die biodynamische Landwirtschaft mag weniger produzieren, aber kann sie dennoch ausreichend sein?

Ist es theoretisch möglich, die Weltbevölkerung mit biologisch und biodynamisch angebauten Lebensmitteln zu ernähren? Dieser Artikel (geen link weg van de pagina, titel van het artikel noemen) erklärt, dass das auf jeden Fall möglich ist, aber nur unter der Voraussetzung, dass wir unser Verhalten anpassen. Viele Menschen essen heute viel mehr als nötig. Übergewicht ist weltweit betrachtet ein größeres Problem als Unterernährung. Wenn wir mit dem, was unser Körper braucht, zufrieden wären und uns gesünder ernähren würden, bräuchten wir weniger Nahrung. Und wenn Bio-Lebensmittel tatsächlich mehr Nährstoffe enthalten würden, würden sie uns mit großer Wahrscheinlichkeit satt machen, sodass wir keine weiteren Lebensmittel brauchen, um unseren Hunger zu stillen. Wenn wir die Hälfte weniger Fleisch äßen und nur halb so viele Lebensmittel wegwerfen würden, so wie es im obenstehenden Artikel beschrieben wird, dann würde es uns gelingen, die Welt mit biologisch erzeugten Lebensmitteln zu ernähren.

Dann bleibt allerdings noch die Frage, welche Form der Landwirtschaft für die Natur am besten geeignet ist. Laut Hidde Boersma von De Correspondent muss diese Frage pro Land oder Region beantwortet werden. Schließlich gibt es in den Entwicklungsländern Afrikas mehr Natur und Wildtiere zu retten, aber Afrika ist auch der Kontinent, auf dem das größte Bevölkerungswachstum bevorsteht. Zudem haben die Bauern dort kaum Zugang zu Kunstdünger, Traktoren und Pestiziden, was bedeutet, dass die Mehrheit der Bauern dort immer noch in kleinem Umfang produziert. Unterm Strich kommt Boersma auf der Grundlage zahlreicher Studien zu dem Schluss, dass die Einsparung von Land die bessere Option für reiche, "naturarme" und dicht besiedelte Länder wie die Niederlande, aber auch für Entwicklungsländer in Afrika ist. Er scheint allerdings die Tatsache zu ignorieren, dass intensive Monokulturen, so wirtschaftlich und effizient sie auch sein mögen, unwiderruflich zu einer Verarmung von Boden und Ernte führen, wodurch sie nicht in einen nachhaltigen Kreislauf, sondern in eine Abwärtsspirale geraten. Tatsächlich gibt es einfach kein Gewinnszenario: Ob wir uns für Land teilen oder für Land schonen entscheiden, es geht ohnehin viel Biodiversität verloren. Leider scheint es unmöglich zu sein, die Welt zu ernähren und gleichzeitig die gesamte verbleibende Natur zu erhalten.

"Boden zu schonen scheint die bessere Option zu sein, obwohl es eigentlich kein Gewinnszenario gibt".

Nahrung für die Seele

Die vielen widersprüchlichen Studien über Ernährung, Umwelt und Gesundheit machen es fast unmöglich, die richtigen Entscheidungen zu treffen und Lebensmittel zu konsumieren, die sowohl gesund als auch ethisch vertretbar sind. Je mehr Forschung betrieben wird, desto undeutlicher werden die Schlussfolgerungen, die wir für unsere Ernährung ziehen können, und desto mehr verlieren wir uns in all diesen fabelhaften Wahrheiten und wahren Fabeln. Vielleicht sollten wir uns nicht so sehr auf die neuesten Erkenntnisse auf dem Gebiet der Ernährung verlassen, sondern vielmehr schauen, was wir von jahrhundertealten Traditionen, Überzeugungen und spirituellen Bewegungen lernen können. Schließlich steckt oft viel Weisheit in altem Wissen, und für viele unserer Vorfahren waren Ernährung, Gesundheit, Welt und spirituelle Entwicklung holistisch miteinander verbunden. Welche Antworten geben spirituelle und religiöse Bewegungen auf unsere gegenwärtigen Ernährungsdilemmas?

Heilige Speisevorschriften

Weltweit leben 84% der Menschheit nach einer religiösen oder spirituellen Bewegung, deren heilige Texte Lebensmittelvorschriften beschreiben. Viele Religionen oder Strömungen verbieten den Verzehr bestimmter Lebensmittel, obwohl dies innerhalb einer religiösen Bewegung oft unterschiedlich gehandhabt wird. Jedenfalls sind einige Religionen in dieser Hinsicht weniger streng als andere. So werden beispielsweise die Speisevorschriften des westlichen Christentums heute meist weniger genau eingehalten als beispielsweise die Speisevorschriften innerhalb des Islam, des Judentums, des Buddhismus und des Hinduismus.

Wie ein und dieselbe Motivation zu vielen verschiedenen Ergebnissen führen kann, wird nur allzu deutlich, wenn wir uns die Gesamtheit der spirituellen Speisevorschriften ansehen. Schließlich basiert fast jede spirituelle Ernährungsanforderung auf ein und derselben Motivation, nämlich dass das Befolgen einer bestimmten Diät der spirituellen Entwicklung Ihrer Person und der der Welt als Ganzes zugutekommt. Jede Strömung hat jedoch ihre eigenen Vorstellungen darüber, wie spiritueller Fortschritt überhaupt möglich ist, und welche Nahrung daran beiträgt.

"Obwohl spirituelle Strömungen die gleiche Motivation haben, sich nach einer bestimmten Diät zu ernähren, haben sie alle sehr unterschiedliche Vorstellungen darüber, welche Diät glückselig macht".

Keine Gewalt am Tisch

Es gibt viele verschiedene Ansichten darüber, ob man Tierfleisch essen soll oder nicht. Die extremste Ansicht ist wohl die des Jainismus, einer der ältesten indischen Religionen mit etwa 5 Millionen Anhängern. Shrimad Rajchandra, Mentor von Mahatma Gandhi, war einer der berühmtesten Jainisten. Die Anhänger des Jainismus streben danach, alle physischen Bedürfnisse und Bindungen mit dem Irdischen zu überwinden, damit sie schließlich aus dem unendlichen Kreislauf der Wiedergeburt befreit werden und Moksha (Erleuchtung) erreichen können. Um dies zu erreichen, dürfen sie keine Gewalt gegen andere lebende, karmische Lebewesen, die eine Seele haben, anwenden. Zu diesen karmischen Lebewesen gehören Insekten, verwurzeltes Gemüse, Pflanzen und Mikroorganismen.

Daraus ergibt sich die vielleicht strengste Diät der Welt: Sie essen kein Fleisch, Fisch, Eier, Honig, kein Wurzelgemüse wie Zwiebeln, Kartoffeln oder Knoblauch, keine fermentierten Lebensmittel oder ungefiltertes Wasser (denn das wäre gewalttätig gegenüber den Mikroorganismen) und keine Pilze oder Hefe. Auch sollten sie Lebensmittelabfälle nicht zu lange aufbewahren und später verzehren, da dies wiederum den darin lebenden Mikroorganismen Gewalt antut. Darüber hinaus dürfen sie nur gerade genug essen, um ihren Körper zu erhalten, und praktizieren mehr als dreißig Arten des Fastens, einschließlich einer 180-tägigen Kur. Der extremste Brauch der Jaïnisten ist die Kunst des Santhara, ein religiöser Eid des freiwilligen Todes durch Fasten, der oft von älteren oder kranken Menschen geleistet wird, um sich von negativem Karma zu befreien, bevor sie sterben. Sie können vermutlich keinen kleineren ökologischen Fußabdruck erzielen, aber es ist zweifelhaft, ob die Lebensweise der Jainisten auch sehr gesund für ihren Körper ist. Die Ernährung und das Fasten scheinen ihnen zur Erleuchtung zu verhelfen, also weiß Gott: Vielleicht ist es gut für ihre geistige Gesundheit und spirituelle Entwicklung gerade gut, sich so viele Einschränkungen aufzuerlegen.

Weder Fleisch noch Fisch

Andere spirituelle Strömungen sind normalerweise weniger extrem, aber es besteht eine starke Beziehung zwischen Spiritualität und vegetarischer oder veganer Ernährung. Die Idee dahinter ist oft, dass die spirituelle Entwicklung mit dem Verzicht auf das Töten von Tieren oder das Essen von Lebewesen mit einer Seele zusammenhängt und davon profitiert. So ist vegetarische Nahrung ein Ausdruck des Respekts für andere Lebewesen und implizit ist es auch eine Übung in Disziplin, Bescheidenheit, Einfühlungsvermögen und Mitgefühl. Religiöse Strömungen, die eine pflanzliche Ernährung vorschreiben, sehen das Universum als Ausdruck des Göttlichen an, und so ist der Ausdruck des Respekts vor unserer Lebensumgebung inhärent an den Respekt und die Ehrfurcht vor dem Göttlichen verbunden.

Auch der Glaube an die Reinkarnation spielt oft eine Rolle bei der Entscheidung für eine pflanzliche Ernährung. Schließlich kann die Seele nach der Reinkarnationstheorie in verschiedenen Formen zur Erde zurückkehren, auch in Form eines Tieres. Das Konzept der Reinkarnation stärkt die Gleichheit und Verbindung zwischen den Seelen der Wesen auf der Erde und daraus folgt die Entscheidung, aus Respekt vor den göttlichen Seelen, die sich auch in Tieren manifestieren, keine Tiere zu töten oder zu essen. Einige Religionen schreiben vor, dass bestimmte Tiere gegessen werden dürfen, aber nur, wenn sie auf eine bestimmte, respektvolle Weise geschlachtet werden.

"Der Respekt vor dem anderen Leben auf der Erde ist oft das Leitprinzip bei der spirituellen Wahl einer pflanzlichen Ernährung".

Sowohl Fleisch, als auch Fisch

Es gibt jedoch auch spirituelle Strömungen, die sich, ausgehend von genau denselben Vorstellungen des Universums als ein Ausdruck des Göttlichen und reinkarnierter Seelen, dafür entscheiden, Fleisch zu essen und es als respektvoll und heilig zu betrachten. Zu diesen Strömungen gehört zum Beispiel der Taoismus. Aus der Tatsache, dass wir seit Anbeginn der Zeit sowohl Tiere als auch Pflanzen essen, wird geschlussfolgert, dass es für den Menschen natürlich und "gemäß der göttlichen Ordnung der Dinge" ist, Fleisch zu essen. Auch für diese Strömungen sind die Naturgesetze den Gesetzen Gottes oder dem Göttlichen inhärent. Und eine natürliche Ernährung, zu der seit Anbeginn der Zeit auch Fleisch gehört, ist somit eine heilige Diät.

Vegetarismus ist heuchlerisch

Vertreter dieser Meinung kritisieren Vegetarismus oder Veganismus oft dafür, dass es heuchlerisch sei, zwischen Tieren und Pflanzen zu unterscheiden. Alles Leben ist heilig, nicht nur das Leben, zu dem wir als Menschen uns gerne in Beziehung setzen. Warum sollte ein Pflanzenleben weniger wertvoll sein als ein Tierleben? Und wo ist überhaupt die Grenze, gehören nicht auch Mikroorganismen zum Tierreich? Weil Säugetiere uns biologisch gesehen ähnlicher sind, können wir uns vielleicht besser mit ihnen identifizieren. Aber ist es nicht arrogant anzunehmen, dass eine Lebensart mehr wert ist als eine andere, schlicht und einfach deshalb, weil bestimmte Lebensformen, wie zum Beispiel Pflanzen, die materielle Welt nicht auf dieselbe Weise wie wir zu erleben scheinen?

Pflanzen haben vielleicht kein mit Menschen und Tieren vergleichbares Nervensystem, aber immer mehr Forschungen zeigen, dass Pflanzen Schmerzen empfinden, auf Emotionen reagieren und lernen können. Vergessen Sie nicht, dass Menschen auch lange Zeit davon überzeugt waren, dass Fische keinen Schmerz empfinden, und darum ohne schlechtes Gewissen gegessen werden können. Ein Irrtum, der erst ziemlich spät, am Ende des letzten Jahrhunderts, von der Wissenschaft aufgedeckt wurde. Es erscheint daher unvernünftig, bestimmte Tiere auf der Grundlage der Einsichten, die wir mit unserer eigenen begrenzten Beobachtungskapazität als lebende Geschöpfe gewinnen können, als Tiere zu kategorisieren und dabei andere Lebewesen, wie Mikroorganismen und Pflanzen, außen vor zu lassen. Wer sagt, dass unsere wissenschaftlichen Kenntnisse - irgendwann - ausreichen, um ein Urteil darüber zu fällen?

"Es ist heuchlerisch, zwischen den verschiedenen Lebensformen auf der Erde zu unterscheiden. Warum sollte ein Pflanzenleben weniger wert sein als ein Tierleben?"

Menschen, die an die Reinkarnation glauben, können sich auch bewusst für den Verzehr von Fleisch entscheiden. Es wird argumentiert, dass der Tod nicht das Ende ist, weil alles Teil des unendlichen Lebenskreislaufes ist. In diesem Leben sind Sie derjenige, der isst, in einem nächsten Leben könnten Sie gegessen werden. Auf diese Weise tragen wir alle unsererseits dazu bei, uns gegenseitig und die Welt zu erhalten. Der gesamte Prozess ist ein ewiger, natürlicher und heiliger Kreislauf. Kein Fleisch zu essen entspricht also nicht der göttlichen Realität des Leben-essenden Lebens.

Ernährungsverwirrung

Ist es gesund, Pflanzen zu essen? Sollte Fleisch vermieden werden? Welche Form der Nahrungsmittelproduktion ist am nachhaltigsten? Welche Ernährung ist die beste für Mensch, Tier und Umwelt? Wie stelle ich meine Ernährung auf meine spirituelle Ausrichtung und Entwicklung ein? Inzwischen ist klar geworden, dass es auf all diese Fragen mindestens zwei Antworten gibt, die völlig gegensätzlich zueinander sind. Eine etwas unbefriedigende Schlussfolgerung vielleicht, die selbst ein wenig wie ein Paradoxon anmutet. Nach langer Suche möchten wir natürlich Antworten auf unsere drängenden Fragen finden, am liebsten gleich mit perfekter Ernährungsberatung. Die Realität ist jedoch in der Regel hartnäckiger, als uns lieb ist. Glücklicherweise schafft die Tatsache, dass in der Realität nicht alles nahtlos zusammenpasst, auch Raum. Raum für all die, die ihre eigene Wahl treffen wollen und ein Ernährungsmuster wählen, das perfekt zu Ihren persönlichen Vorstellungen von Ernährung, Gesundheit, Nachhaltigkeit und Spiritualität passt.

Sie müssen natürlich auch nicht für den Rest Ihres Lebens eine Entscheidung treffen. Sie können sogar in verschiedenen Strömen mitschwimmen, oder Ihre Ernährung pro Woche oder Monat ändern und den Jahreszeiten folgen. Schließlich ist es im Sommer einfacher, vegetarisch zu essen, wenn man lokale Lebensmittel kauft, weil dann mehr Obst und Gemüse zur Verfügung steht. Was auch immer Ihre Strategie, Ihr Leitfaden oder Ihr Schlüssel zum Erfolg sein mag, stecken Sie nicht den Kopf in den Sand, sondern gehen Sie auf Erkundungstour. Bleiben Sie offen für andere Ideen, auch wenn die Ihren eigenen diametral entgegengesetzt sind. Nur so bleiben Sie weder links noch rechts stecken, und schließlich werden Sie in der Lage sein, alle Dilemmata zu überwinden, die jedes Mal aufs Neue auf Ihrem Teller landen.